Eigenlicht

15 September - 18. November 2021

Vernissage 17 September from 6.30 pm

Die Ausstellung Eigenlicht zeigt Arbeiten der Künstlerinnen Aline Schwibbe, Deborah Wargon, Paula Krause und Janina Brauer. Der Begriff "Eigenlicht" ist ein allgemein veralteter wissenschaftlicher Begriff, der den dunklen Grauton beschreibt, den Menschen bei Abwesenheit von Licht zu sehen glauben. Die Abwesenheit von Licht führt zu Momenten der Introspektion, der Erinnerung und des Träumens. Die in Eigenlicht ausgestellten Werke beziehen sich auf das Konzept des Unterbewusstseins auf einzigartige Weise. Ob sie nun aus Träumen oder aus (individuellen oder kollektiven) Erinnerungen schöpfen, die Werke erforschen eine Art von Wissen, das in Momenten der Selbstbeobachtung gewonnen wird - Momente, in denen die Augen nur das dunkle Grau von Eigenlicht" sehen.

 

Erinnerung und vergangene Traumata spielen in Aline Schwibbes vielfältiger Praxis eine wichtige Rolle. Mit verschiedenen Medien wie Zeichnung, Film und Fotografie greift Schwibbe fragmentierte Erinnerungen auf, die sie eher als zyklisches Geschehen denn als lineare Geschichte betrachtet. In Schwibbes Worten: "Es gibt keinen Anfang und kein klares Ende". Wie in einem Traum vermischen und verschränken sich einzelne Ereignisse und Handlungsstränge zu einem kaum entzifferbaren Sinn. Die Serie "No End of Sleep" (2021), zu der die fünf ausgestellten Arbeiten auf Samt gehören, erkundet den Zustand, in dem wir nicht in der Lage sind, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden. Auf Samt gedruckte Filmstills werden mit Ölpastellzeichnungen und Nähten überlagert. Während die gedruckten Filmstills scheinbar empirische Beweise für vergangene Ereignisse darstellen, scheint die Überarbeitung dieser Erinnerungen durch die Zeichnungen und Nähte auf eine andere Sphäre der Realität und des Wissens jenseits des Empirischen hinzuweisen. Die Idee der nicht-linearen Chronologie von Erfahrung und Erinnerung wird auch in Schwibbes Kurzvideo Your Heart Can't Beat Unless I Tell It To aufgegriffen. Dieses Stop-Motion-Video, das aus 150 einzeln gezeichneten Einzelbildern besteht, nutzt das Zusammenspiel von abstrakten und figurativen Formen, um eine Sequenz zu schaffen, die, obwohl sie durch das Videoformat im Wesentlichen relativ zur Zeit ist, die Starrheit der Chronologie hinterfragt.

 

Janina Brauer, die mit Öl auf Leinwand arbeitet, greift wie Aline Schwibbe auf Erinnerungen im erweiterten Sinne zurück. Indem sie mit dem Unterbewusstsein arbeitet, um Gefühle zu erweitern, die im Zusammenhang mit persönlichen oder kollektiven Traumata, Isolation sowie Umweltbedingungen entstehen, übersetzt Brauer Fotografien und Skizzen in figurative Arbeiten, die eine Vielzahl von Assoziationen hervorrufen. Die von Brauer dargestellten Szenen, seien es Landschaften oder Tableaus einzelner Personen, werden durch Brauers Geschick im Erzählen zum Leben erweckt. Dennoch sind die Geschichten, ähnlich wie bei Schwibbe, nicht durch eine einzige Erzählung lesbar. Die in Eigenlicht ausgestellte Arbeit Ambona zeigt eine bedrohliche Landschaft eines Waldsees mit einem Wachturm im Hintergrund. Rotes Licht leuchtet am Rande des Sees, der in den dunkelblauen Farbton der Dämmerung getaucht ist. Brauer malt eine Szene von greifbarer Stille, die ein Gefühl der Gelassenheit vermittelt, das nur durch die Anwesenheit des Wachturms unterbrochen wird. Fühlt der Betrachter ein Gefühl der Ruhe oder ist dies ein falsches Gefühl der Sicherheit? Die Erzählung wird nicht explizit gemacht, aber ihre Präsenz ist deutlich spürbar. Diese traumähnliche Bildsprache ist von Brauers Kindheitserinnerungen und der Familiengeschichte an der russischen Grenze beeinflusst.

 

Deborah Wargons Papierarbeiten scheinen über die Wände zu wachsen, an denen sie zart befestigt sind. Die verschlungenen Muster, die sich spielerisch ineinander verflechten, entwickeln die eigene Bildsprache der Künstlerin, die zugleich von der Ikonografie alter Kulturen beeinflusst zu sein scheint. Dabei verschmelzen kollektive und persönliche Erinnerung und Bedeutung. Die Papierstrukturen sind unendlich in ihrer Bewegung, es gibt keinen greifbaren Anfang und kein Ende. Darüber hinaus verweisen die reflektierenden und sich wiederholenden wirbelnden Muster von Wargons Arbeiten auf die Rhythmen ihrer Arbeit als Komponistin und Musikerin. Die Papierkompositionen sind mit einer nicht enden wollenden Melodie vergleichbar.

Die Schatten, die die Werke umgeben und nachahmen, laden uns dazu ein, Wargons Papierarbeiten eher als Skulpturen denn als zweidimensionale Stücke zu betrachten. Zusätzlich zu den Papierarbeiten zeigt Eigenlicht auch drei Keramikskulpturen von Wargon. Die Keramikskulpturen erweitern das (in Wargons Papierarbeiten vorhandene) Konzept der in einem Moment der Zeit eingefrorenen Bewegung. Die organischen Formen der schwarzen Wolke, des Torsos und des Knotens spielen auf fluktuierende Zustände und inhärente kinetische Kräfte an. Dennoch sind die Skulpturen in Keramik ausgeführt, einem Material, das in seiner festen Form unweigerlich beständig ist - sich zu verändern bedeutet zu brechen.   

 

Nachdem Paula Krause ausschließlich in der Malerei tätig war, erweiterte Krause ihre Praxis um die Bereiche Zeichnung und Skulptur. Krauses Zeichnungen sind keine Vorentwürfe für ihre Gemälde, da sie beide Medien als eigenständig in ihrem kreativen Potenzial betrachtet. Ihre Zeichnungen entstehen in Zyklen, die jeweils auf das Vorangegangene Bezug nehmen und es gleichzeitig weiterentwickeln. Obwohl die Themen und der Stil von Krauses Papier- und Leinwandarbeiten nicht diametral entgegengesetzt sind, stehen sie in ständiger Konkurrenz zueinander.

Thematisch hat Krause ein großes Interesse an der Auflösung von Formen. Gegenstände und Körper werden abstrahiert, zerrissen und seziert, um ihre Essenz zu enthüllen, manchmal bis zum Punkt des Verschwindens. Dieser Zerfall findet auf der Leinwand und dem Papier vor den Augen des Betrachters statt. Diese zerstörerische und gleichzeitig belebende Dynamik prägt die Szenen in Krauses Werken. Gewalt und Leidenschaft zwischen Protagonist und Antagonist sind die vorherrschenden Triebkräfte im Zusammenspiel von Krauses Sujets. Diese viszeralen Kräfte manifestieren eine ungelöste Spannung, die die Komposition prekär zusammenhält.

Die Farben von Krauses Arbeiten sind gedämpft, Braun, Sand und warme Grautöne mischen sich mit zarten, fleischigen Rosatönen. Die Farben lassen eine Distanz zwischen der Realität und den in Krauses Werken dargestellten Szenen entstehen. Krauses Sujet scheint in einer vom Betrachter getrennten Sphäre zu existieren, vielleicht in der Geschichte, der Erinnerung oder der Hypothese? Die häufige Darstellung von Kreaturen, die halb Mensch, halb Tier sind, wie z. B. der Minotaurus, verstärken diese Annahme.

Eigenlicht Exhibition View

Ausstellungsansicht

Deborah Wargon: Wand Skulptur and Keramik Skulptur

Paula Krause: Werke auf Papier

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Aline Schwibbe, By the Skin of my Teeth, Riot Gear & Vanilla Fight, 200 x 148 cm, 2021

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Janina Brauer, Ambona, 200 x 150 cm, 2019