Mobil

Bazon Brock and Marina Sawall

Bazon Brock und Marina Sawall schützen in der Denkerei Kunst und Wissenschaft vor den Furien des Verschwindens, des Neides und des Zorns – im Sinne des Art. 5,3 GG, der die Freiheit von Kunst und Wissenschaft garantiert – nicht zuletzt, um sie vor kulturellen Übernahmeversuchen zu bewahren. Ende April 2019 musste die Denkerei am Oranienplatz nach 7 ½ Jahren schließen. Aktionen, Vorträge und Gespräche werden nun in der re|space gallery im Rahmen der Denkerei Mobil stattfinden.

Zur Einhaltung der Corona-Bestimmungen bitten wir um Anmeldung für die jeweiligen Veranstaltungen mit Name, Telefonnummer und Adresse an info@denkerei-berlin.de

Teilnahme nur mit Nachweis (Geimpft, Getestet oder Genesen).

Termine 2021:


21.10.2021, 19 Uhr:


Die Forderung nach Schönheit ist revolutionär

Schon der Maler und Künstlerbiograf Giorgio Vasari merkt Mitte des 16. Jahrhunderts an, dass die betörend schön gemalten Akte des Heiligen Sebastian die Kirchenbesucher in sehr ambivalente Gefühle versetzt haben dürfte. Einerseits sollten ihnen die Gemälde im sakralen Kontext das Leiden des Märtyrers in der Nachfolge Christi nahebringen; andererseits verführte die malerische und ästhetische Qualität des Bildes dazu, das Leiden des Märtyrers zu verdrängen und die Darstellung zu genießen. Das schreckliche, das todbringende Leiden, das kreatürliche Elend wurde in der künstlerischen Bewältigung zu etwas Interessantem, Großartigen, ja Schönen.

Die Ambivalenz von Schönheit und Schrecken, von Zerstörung und Schöpfung, das ist das „Sublime“, eine bestimmende Kategorie im Programm des Klassizismus von seinen Ursprüngen her. Der Klassizismus will verbindliche und nicht leere Abstraktionen als zeitenüberdauernde Schönheit gegen die jeweils konkreten historischen Befindlichkeiten der Menschen setzen.

Die klassischen Griechen verstanden Schönheit als das, so Gadamer, womit man sich in der Öffentlichkeit sehen lassen kann, also als das Überindividuelle, gesellschaftlich Verbindliche. Im Laufe unserer Kulturgeschichte wurde immer wieder versucht, dort Verbindlichkeit zu erzwingen, wo sie eben gerade nicht gilt. Das wurde zum Programm auch des radikalsten Klassizismus der Nationalsozialisten und vieler kapitalistischer Betonbrutalisten.

Wir sind aufgefordert, den radikalen Zugriff auf klassizistische Programme nicht weiterhin als Vorwand dafür zu benutzen, das Verlangen nach Schönheit und Dauer als reaktionäre Ausblendung sozialer Probleme, ja der Geschichte schlechthin zu stigmatisieren!

Als Lektüre für das Gesamtthema siehe:

 


4.11.2021, 19 Uhr:


Die Kunst hängt nicht an der Wand, sondern in Ihrem Kopf!


11.11.2021, 19 Uhr:


Kunstreligion
Vom Paulus zum Saulus: Aufklärung der Kunstpaulusse


18.11.2021, 19 Uhr:


Die Chinesen sind die besseren Deutschen
Etwas ist vergangen, wenn es von der Gegenseite übernommen wird.

Vergangene Termine:

15.09.2021, 19 Uhr:

 

„Notfalls leben wir auch ohne Herz“ (Beuys)

Spiritualität und Avantgarde

Mit Bazon Brock, Nicole Fritz, Christian Jankowski

Beuys hat in Wuppertal die Geschichte des Färbermeisters Bayer verstanden, der die lokale Überlieferung, wie der Nibelungenschatz im Rhein unterging, als Grundlage für die Gründung seiner Chemiewerke gesehen und sie sofort auf die industrielle Realität übertragen hat. Solche Übergänge aus einer historisch tradierten Spur in die technologische Lebenswelt der Neuzeit haben Beuys fasziniert – als erschließende Arbeit an der Kraft der Mythologie. Darin war Beuys ganz groß, er hat das höchste Niveau dieser Fähigkeit im 20. Jahrhundert erreicht. 

Die gesamte Moderne ist nichts anderes als eine Bewegung in der Tradition des Mythos oder der Spiritualität der Mystiker oder auch der Geisterseherei, die gerade die Aufklärungskunst in Europa bestimmt hat (deshalb konnten sich sogar die Nationalsozialisten als modern verstehen).

Die Aufklärung ist getragen von der Spiritualbewegung, die eben nicht von der Rationalität abgegrenzt und ausgegrenzt werden kann, sondern die diese Rationalität begründet. Veit Loers hat in seiner grandiosen Arbeit „Okkultismus und Avantgarde. Von Munch bis Mondrian 1900-1915“ die gesamte Geschichte der Modernen Kunst und der theoretischen Begleitung aus den Naturwissenschaften nachgewiesen.

Wahrheit im naturwissenschaftlichen Sinne ist eine Aussage, die wir alle akzeptieren, weil sie nicht nur einen Urheber hat. Das gilt genauso für den Mythos. Auch der Mythos ist eine urheberlos gewordene Aussage. Von der Struktur und damit auch von der potentiellen Wirksamkeit her stimmen wissenschaftliche Wahrheit und Mythos vollkommen überein.

Daher war es nicht mehr möglich, zu behaupten, es gäbe einen Unterschied zwischen den Glaubenssätzen der Naturwissenschaftler und denen der Mystiker.

16.09.2021, 19 Uhr:

Extase des Blicks

Im Sehen angesehen werden

Mit Perseus’ Spiegelung des tödlichen Medusenblicks fasst man seit alters her die Psychodynamik der Kommunikation: Reflexivität oder Selbstbezüglichkeit. Der hasserfüllte Blick des Fundamentalisten, der Blick des tyrannischen Chefs, der Blick der rasenden Eifersucht, der magische Blick der Zauberfrauen kann nur gebannt werden, wenn man ihn auf den Blickenden zurückspiegelt.

Noch heute wird der Trick des Perseus, Medusa ihr eigenes Bild in seinem blanken Schild zu zeigen, in den Schmuckdesigns der Amulette und Talismane als Abwehrzauber praktiziert.

Exstase des Blicks bezeichnet die Rückwirkung des Blickes auf den Blickenden. Dafür steht in der Gegenwart die Technik des Selfies, dessen Reiz gerade darin besteht, den Fotografierenden selbst zu ergreifen. Aber Fokussierung auf sich selbst widerspricht unserer Natur als soziale Wesen. 

Wer sich an sich selbst berauscht, anstatt sich in anderen zu erkennen, verliert seine Fähigkeit, auf neue Herausforderungen aus seiner Lebensumwelt zu reagieren. 

7.10.2021, 19 Uhr:


Artistik des vollkommenen Lebens

Ab 1900 gingen alle inzwischen als groß erkannten Künstler in den Zirkus. Was gab es da zu sehen für Modernisten dieses Schlages? Sie gingen hin, um zu erfahren, inwieweit sie als Künstler einen fundamentalen Beitrag zur Begründung von Lebenskonzepten darstellen konnten – gegen alle bisherigen Annahmen von Theologie und Wissenschaft. Die Antwort fanden sie bei den Seiltänzern, die über ein an zwei Pfählen aufgespanntes Seil balancierten, abenteuerlich ungeschützt in mehreren Metern Höhe. Diese Akrobaten hielten sich nur an dem fest, was sie selber trugen. Die Balancierstange ist das einzige, was einem Seiltänzer Stabilität gibt und ihm tatsächlich ermöglicht, nicht in die Tiefen unter dem unwahrscheinlich feinen Seil abzustürzen.

Damit war das Geheimnis aller dieser Überlegungen geklärt: Wir alle balancieren im Leben durch die Stabilität, die wir uns selber geben – durch das, was wir tragen. Das ist der Grundsatz der vernunftgetragenen Theologie, Philosophie und Psychologie.